Archiv für November 2008

Effis Welt I – Gönnen können

Die Prüfungen für das Vordiplom stehen unmittelbar bevor. Doomsday sagt die Lieblingskommilitonin meiner Freundin. Die Beiden sind seit Wochen im Stress, kommen mit der Flut der Fakten, der Menge des Auswendigzulernenden nicht gut zurecht. Seit viel zu vielen Tagen ist meine Freundin unausstehlich. Stress. „Ich will das es bald vorbei ist. Es soll jetzt einfach rum sein.“ Und dann sagt diese ehrgeizige Frau etwas, das ich von ihr zum ersten Mal höre. „Mir ist sogar die Note egal, echt, ich habe keinen Bock mehr.“ Die andere Kommilitonin meiner Freundin ist die Effi. Die Effi hat sich für die sieben schriftlichen Klausuren was vorgenommen. Vor der schwierigsten der Klausuren gesteht sie, dass auch sie angesichts der Herausforderungen die Ansprüche an ihre Leistungsfähigkeit etwas einschränkt: „Ich erlaube mir, in einer Klausur schlechter als Zwei zu schreiben.“
Sie hat das dann auch geschafft, nur eine Klausur wurde schlechter als mit Zwei benotet. „Ansonsten hätte sie sich Hausarrest erteilt“, vermuten die Lieblingskommilitonin und meine Freundin.

Drei, zwei, eins – unsern!

Für die Lokalzeitung Volksstimme von Real Town führen wir gerade eine Umfrage unter der lokalen Bevölkerung von Real Town durch. Thema: Die Krise des Automobilkonzerns Opel und die vom Hessischen Landtag einstimmig verabschiedete Bürgschaft von bis zu einer halben Milliarde Euro. Haben Sie dazu eine Meinung?
Ja, also, Hauptsache das schöne Geld fließt nicht nach Amerika. Das muss bei unserm Opel bleiben. Warum? Damit damit nicht die Löcher ausgeglichen werden, die da entstanden sind. Angenommen das Geld fließt nicht nach Amerika, sondern bleibt hier bei unserm Opel, was dann? Dann nützt es auch nix, dann kommt der große Krach eben e bissi später. Aber Hauptsache das Geld fließt nicht nach Amerika!? Genau!

Auf gute Nachbarschaft!

Die alte Frau aus dem alten Haus mit den maroden grauen Asbestplatten ist Anfang des Jahres gestorben. Ich habe nie viel mit ihr gesprochen. Nur auf der Beerdigung des Rosengärtners ein paar Worte. Eine ganz einfache, recht nette Frau, die aber unheimlich viel geredet hat. Das war auch der Grund, warum ich nie viel Kontakt zu ihr haben wollte. Sie war so einsam, dass sie einen Gesprächspartner, wenn sie mal einen hatte, nicht mehr gehen lassen konnte.
In das alte Haus ist vor ein paar Wochen eine junge Familie eingezogen. Sie mussten Vieles renovieren, eigentlich Alles. Zum Glück kennen sie Leute, die ihnen die meisten Arbeiten sozusagen auf dem kurzen Dienstweg abgenommen haben. Trotzdem haben unsere neuen Nachbarn bemerkenswert viele Reperaturen selbst erledigt.
Als die junge Frau und Mutter der Mutter meiner Freundin erzählte, dass ihr aufgeweckter Dreijähriger „ein Unfall“ gewesen sei, fand ich das ehrlich und sagte mir, dass die Menschen eben so reden. Als ich sah, dass auf dem Auto des jungen Mannes und Vaters ein riesiger Heckaufkleber klebt, auf dem Böhser Mensch steht, dachte ich, dass es ja auch nette Onkelz-Fans gibt und viele von ihnen bloß Deklassierte sind, die gegen ihre Unterdrückung anschreien ohne sie zu verstehen. Die Mutter meiner Freundin schlug noch vor, dass so ein Aufkleber ja auch vom Vorbesitzer kleben geblieben sein könnte. Das war der Moment in dem mir endgültig bewusst wurde, wie verzweifelt wir uns an unsere Hoffnung klammerten.
Das endgültige Aus kam letzte Woche, als die Mutter meiner Freundin gerade im Garten arbeitete und die Nachbarin mit Sohn sich ebenfalls im Garten aufhielt. Sie beobachteten gerade einen Mähdrescher, der die Maisstauden auf dem Acker abmähte. Hinter dem Mähdrescher liefen zwei verhüllte Frauen her, die liegengebliebene Maiskolben aufsammelten. Nachdem unsere neue Nachbarin ihren Sohn instruiert hatte („Gell, Peter, die sehen anders aus wie wir!“), wandte sie sich an die Mutter meiner Freundin: „Die Kanacken, die fressen auch alles!“

Neulich in der S-Bahn oder geglückte Integration

Am Bahnhof Rodenhausen* warten wir auf den Zug zum Hauptbahnhof. Neben uns zwei junge Frauen und ein kleines Mädchen. Die jungen Frauen Anfang, Mitte Zwanzig, dunkle Haare, das Mädchen Zehn bis Zwölf, ein wenig schüchtern zwischen den Großen. Alle drei sehen auf den ersten Blick recht sympathisch aus. Sie unterhalten sich akzentfrei auf deutsch, aber man sieht ihnen an, dass ihre Eltern oder Großeltern Einwanderer sind, vermutlich aus einem arabischen Land, vielleicht aber auch aus dem Iran. Sie reden über alltägliche Dinge, wir auch, was eben so gesprochen wird bis der Zug kommt. Als er eingefahren ist, steigen die drei ins gleiche Abteil wie wir. Ich höre ihnen zu, denke bei mir, wie schön es ist, dass sie nicht diesen Gangster-Slang sprechen, wie ich es früher getan habe. Ich höre das oft von Jüngeren in der S-Bahn und mag es nicht weil es mich an meine Zeit vor der Subjektwerdung erinnert. Die S-Bahn ist nahezu voll besetzt. Eine der jungen Frauen sitzt mit dem Mädchen auf dem Schoß, schräg gegenüber eine ältere Dame, die mit dem Mädchen Kontakt aufnehmen möchte, wofür die aber zu schüchtern ist. Dabei sieht die Dame etwas albern aus. Im Gang bei den Türen steht die andere der beiden jungen Frauen. Nach einer kurzen Phase, in der das Gespräch zwischen ihnenabgebrochen war, so auf Höhe der Messe, sagt die eine, die mit dem Mädchen auf dem Schoß, zu ihrer Freundin: „Ey, Deine Schwester ist voll der Jude, die hat die ganze Tasche voller Bonbons.“ Die Andere lächelt ihr zu. Die ältere, etwas albern wirkende Dame lächelt dem Mädchen zu.

*Name von der Redaktion geändert.

Neulich auf dem Campus

„Meiner Ansicht nach liegt das Problem in den formalen Strukturen“, sagte der hochgewachsene feiste Herr mittleren Alters, feisten Schrittes würdevoll einherschreitend, zu der gar nicht grazil neben ihm hertrippelnden kleinen Dame. Sie sagte entweder gar nichts oder antwortete erst, als die Beiden schon außer Hörweite waren.
Meiner Ansicht nach liegt das Problem in feisten Herren mittleren Alters, die würdevoll einherschreitend vergessen, dass kleine Damen doppelt so viele Schritte machen müssen, und die überdies und in Tateinheit Begriffe wie ‚formale Strukturen‘ verwenden.