Archiv für März 2009

Und wieso eigentlich?!

hoch verehrte Frankfurter Neue Presse, schickt die Redaktion eine Mitarbeiterin zur Verlegung von Stolpersteinen gegen das Vergessen nach X, die in Y nicht durch den Park gehen mag, „weil da so viel Kanacken sind“.

Früher war´s auch nicht besser: B. Traven I

Gestern vor vierzig Jahren ist B. Traven gestorben, las ich. Die Nachicht erinnerte mich daran, dass ich schon längst eine Serie, mit seinen schönsten Zitaten beginnen wollte.
Der Anarchist und Sozialrevolutionär B. Traven floh, wenn seine Angaben stimmen, nach dem Ende der Münchner Räterepublik vor der siegreichen Reaktion nach Mexiko. Dort hat er sich umgesehen und was er so gesehen hat, verarbeitete er in spannenden und interessanten Abenteuerromanen. Eines seiner Bücher aber, Land des Frühlings, ist ein ethnologischer Reisebericht. Und zugleich ist es ein Schadensbericht. Denn in der Rückbetrachtung zeigt sich anhand der von Traven immer wieder eingeflochten allgemeinen Welterklärungsversuche, wie viel vom reaktionären Common Sense sich in den Hirnen von Revolutionären festsetzen kann.
Zum Anfang habe ich mal B. Travens Ansichten über Mann und Frau ausgewählt. Ausgehend von der Beobachtung, dass indianische Männer alle schön sind und indianische Frauen alle hässlich, schreibt er:

Eine degenerierte, eine untergehende Rasse ist daran zu erkennen, daß die Frauen sich aufputzen und herrichten müssen, daß sie mit allen Mitteln den Mann zu reizen und sinnlich zu erregen suchen. Sie gehen darin so weit, daß sie das, was bisher als schamlos zu zeigen galt, ganz offen, mit Hilfe der Mode, zur Schau tragen. Sie müssen das tun, um die Rasse zu erhalten. Die Natur zwingt sie, es zu tun. Der Mann einer überzivilisierten Rasse ist überarbeitet, entnervt, müde und stumpf für die natürlichen Forderungen einer gesunden Rasse. Seine Arbeit, die zur Aufrechterhaltung der Zivilisation notwendig ist, nimmt alle seine Kräfte in Anspruch. Die Frau, die ja weniger überarbeitet ist und durch die Natur jetzt nur noch allein sprechen kann, ist genötigt, den Mann zu gewinnen und zu reizen. Die Natur hilft ihr dabei, indem sie bei einer ermüdenden Rasse außerordentlich schöne Frauen schafft. (…)
Was bleibt der Frau übrig? Sie muß immer mehr und mehr zeigen von ihren Reizen, um geschlechtlich nicht leer auszugehen. Und in ihrer Aufgabe, die ihr von der Natur heute auferlegt ist, die Erhaltung der Rasse zu sichern, geht sie so weit, selbst jene Instinkte des Mannes auszunützen, die den Mann infolge seiner Erschlaffung zu den Individuen seines eigenen Geschlechts getrieben haben.

Wolle mer se neilasse?!

In Frankfurt wird eine neuer Knast gebaut. Heute war Richtfest und wie sich das gehört, hat der Zimmermann aus diesem Anlass ein paar Worte gesprochen. Und weil der Zimmermann sogar eine Meinung hat, hat er auch eine zu Gefängnissen, außerdem ist er ein musischer Typ. Er sächselte also Folgendes:

Dies ist ein besondres Haus.
Keiner will rein, jeder will raus.
Doch leider besteht, in heutiger Zeit,
Für solch ein Haus Notwendigkeit.

Und wer das nicht so sieht, ist eben von gestern. Helau! Sehr brav, mein lieber Herr Zimmermann. Und jetzt alle wieder ab an die ehrliche Arbeit!

Was sagst Du nun, Gott?!

Einige Reaktionen auf den Amoklauf, die zeigen, wie umfassend hier die eigentliche Problematik verdrängt werden muss, um sich der eigenen psychischen Abgründe und der eigenen Verantwortung als auch Ausführender in der totalitären Gesellschaft nicht bewusst zu werden:
Die „da hätte doch irgendwer anderes irgendwas tun müssen“-Strategie:

Gott, wo warst Du?“ (Transparent, von einem Pressefotografen in der Nähe des Gedenkortes fotografiert)

Die „jetzt muss irgendwer anderes irgendwas tun“-Strategie:

„Wieder stehen Mitschüler vor dem abgesperrten Gelände. Sie diskutieren, was geschehen ist, wie es geschehen ist. „Politiker, handelt“, heißt es auf den Blättern zwischen den Kerzen. In den Gesprächen geht es oft auch um die Ursachen einer solchen Amoktat. Sind es die Ballerspiele wie Counterstrike und Co.? Sollte man sie verbieten? Die Meinungen gehen durcheinander.“ (FR-Chronik der Ereignisse)

Mein Favorit, weil es so schön die Absurdität und Widerwärtigkeit von Moral als Mittel zur Verdrängung des Zustands des gesellschaftlichen Seins zeigt, ist die „die Leute sind nicht moralisch genug“-Strategie. Die gibt´s in einer internen und einer externen Variante. Extern geht sie ungefähr so:

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) kritisierte am Donnerstag in Berlin ebenfalls die „Selbstinszenierung von Berichterstattern“, die es bei Twitter gegeben habe. „Das verträgt sich nicht mit der Unabhängigkeit von Medien“, sagte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken. „Eine Berichterstattung, die den Journalisten in den Vordergrund rückt und gezielt die Sensationslust eines Teils der Nutzer bedient, ist pietätlos gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen.“ (ebenfalls FR)

Intern eigentlich immer irgendwie so:

„Wir alle müssen viel mehr (aufeinander) aufpassen.“

Ständiges Ärgernis: das Unbewusste

Sagte die Moderatorin der 3sat-Sendung Kulturzeit gestern abend, als sie einen Beitrag über die DDR-Korrespondenten der BRD anmoderierte über die Quasi-Botschaft des Westens im Osten: „Ständische Vertretung“.