Archiv der Kategorie 'Satire'

„Stabile Verhältnisse für unser schönes Kungelbach“

Grundsatzrede des Bürgermeisters stößt bei Delegierten des Vereinsrings auf Zustimmung

Kungelbach (oz). Eine richtig fette Scheißspießer-Veranstaltung war die Hauptversammlung des Vereinsrings Kungelbach. Der fetteste von allen Spießern war der Bürgermeister. Dieser belästigte die Leute, die entweder in Tracht oder mit Schlips gekommen waren und denen der Rollmops aus der Küche des Kungelbacher Altenheims, der in der Pause der Veranstaltung gereicht worden war, teils geschmeckt hatte, teils ein bisschen auf den Magen geschlagen war, eine Stunde lang mit einer Wahlkampfrede, in der er mitteilte, dass er ein ganz toller Hecht sei und keinesfalls, so viel Ironie müsse ja nun sein, wie es den Anschein habe ein Rollmops und das Demokratie darüberhinaus immer dann schlecht sei, wenn er sich nicht durchsetzen könne. Meistens kann er sich aber durchsetzen, weil seine Partei, die einmal angetreten war, alle Verhältnisse umzustürzen, die aus dem Menschen ein geknechtetes usw. Wesen machen, die absolute Mehrheit im Stadtparlament hat und die hat seine Partei deshalb, weil seine Partei alle Verhältnisse umgestürzt hat, die aus dem Menschen ein nicht in Vereinen organisiertes Wesen machen. Damit die in Kungelbach herrschenden Verhältnisse auf immer so bleiben wie sie jetzt sind, also stabil, besticht seine Partei alle Vereine im Ort. Deshalb gebe es ja auch den Vereinsring, erläuterte der Lokalpolitiker. Die Bestechung erfordere so wesentlich geringeren logistischen – „wie man ja heute neudeutsch sagt“ – Aufwand. Funktioniere der Vereinsring, rechnete der Würdenträger vor („sympathisch, dass er seine Amtskette heute im Schrank gelassen hat“, Stadtrat Willy Blodt), so funktioniere auch die Demokratie, so herrschten auch stabile Verhältnisse. Denn schließlich gilt in Kungelbach die Faustregel: Alle Kungelbacher, die wählen gehen, sind in Vereinen.
Der Rest – über ein Drittel der Bevölkerung – ist in Kungelbach von jeder demokratischen Teilhabe ausgeschlossen, da die Bundesrepublik Deutschland bekanntermaßen ein strukturell rassistisches Land ist. Dieses Drittel stammt nämlich nicht aus einem Herrenrassen- oder zumindest aus einem südeuropäischen Land – wo ja immerhin zweitklassiges genetisches Material vorgehalten wird. Das inzwischen die Polen mitwählen dürfen ist für die meisten Kungelbacher, die alle am Flughafen arbeiten und den Bau der Startbahn West toll fanden, jetzt aber den der Landebahn Nordost schlecht, was sich bei einem Blick auf die geographische Lage Kungelbachs leicht erklären lässt, das also jetzt auch schon die Polen mitwählen dürfen finden sie nicht so lustig, aber zumindest gibt es in Polen keinen Hub-Flughafen, der der FRAPORT Konkurrenz zu machen in der Lage wäre, also sind die nicht ganz so schlimm wie die Bayern, denn da gibt´s einen solchen Hub. Die Polen allerdings, vielmehr die Polinnen, sollen allerdings lieber weiterhin bei ihnen daheim saugen und blasen – die Urkungelbacherinnen erledigen nämlich überwiegend nur eine Hälfte dieses der Frau zugedachten Spektrums an Aufgaben, weswegen man sie auch lautstark verbessern und sich ausführlich unterhalten darf, wenn eine Kungelbacherin in den öffentlichen Raum eindringend meint, eine Rede halten zu sollen. Wählen gehen müssen jedenfalls die Polinnen nach überwiegender Ansicht nicht. Das könnte am Ende noch die absolute Mehrheit der Partei des Bürgermeisters im Kungelbacher Stadtparlament beenden, was verheerend wäre, da ja dann die regelmäßigen Bestechungsleistungen für die Kelsterbacher Vereine nicht länger gesichert wären.
Der Vorstand des Vereinsrings wurde im Übrigen bestätigt – einstimmig. Nach Informationen, die ozmataz mediaservices vorliegen könnten wenn sie wollten, war das auch schon vorher so ausgemacht gewesen. Der Bürgermeister bekannte sich daher, nachdem sich außerdem abzeichnete, dass er mit aufs Pressefoto des neuen, alten Vorstands durfte, „vorbehaltlos“ zur Demokratie.